Wie der DHB die neuen IHF-Regeln von oben nach unten schult

Blaue Karte, letzte 30 Sekunden, kein Leibchen, drei Angriffe Pause für Verletzte und sechs Pässe bis zum Abpfiff des passiven Spiels – am 1. Juli treten die neuen IHF-Regeln in Kraft. Am Rande des Länderspiels gegen Russland in Mannheim erläuterte DHB-Schiedsrichterlehrwart Jürgen Rieber die Auswirkungen der neuen Regeln, aber auch, wie Schiedsrichter und Offizielle darauf eingestellt werden.

„Ob es eine Revolution durch die neuen Regeln gibt, weiß ich nicht“, betonte Rieber (51), der lange Jahre DHB-Eliteschiedsrichter an der Seite von Holger Fleisch war und mit dem Supercup 2015 seine Schiedsrichterkarriere beendet hatte. „Die größte Veränderung für den Handball erwarte ich durch die neue Regel zum siebten Feldspieler.“

Bei den Nachwuchs-Weltmeisterschaften im Sommer 2015 wurden die neuen Regeln getestet und von der Regelkommission des Weltverbands für gut befunden. Nun gelten fünf neue IHF-Regeln verbindlich ab dem 1. Juli und somit auch schon bei den Olympischen Spielen in Rio.

Die Neuregelungen im Einzelnen:

Siebter Feldspieler statt Torwart:

Künftig muss ein siebter Feldspieler nicht mehr mit einem andersfarbigen Trikot oder Leibchen als Torwart gekennzeichnet sein. Dann darf er oder sie aber auch nicht mehr die Aufgaben des Torwarts erfüllen und zum Beispiel den Sechs-Meter-Raum betreten und den Ball abwehren – sonst gibt es eine persönliche Bestrafung und einen Strafwurf für die gegnerische Mannschaft. Es ist allerdings weiterhin erlaubt, einen siebten Feldspieler als Ersatz-Torwart zu kennzeichnen, der dann auch in der Abwehr den Torraum betreten darf.

Verletzte Spieler:

„Als Konsequenz aus vergangenen Turnieren, wo scheinbar verletzte Spieler versuchten, den Spielfluss des Gegners dadurch zu unterbinden, dass sie eine medizinische Behandlung forderten“, so die IHF, hat die Regelkommission folgende Änderung beschlossen: Die Zahl der Behandlungen auf dem Feld soll reduziert werden, nur in berechtigten Fällen sollen die Schiedsrichter Offizielle der Mannschaften aufs Feld lassen. Wird er auf dem Feld behandelt, muss der verletzte Spieler allerdings drei Angriffe seiner Mannschaft auf der Bank pausieren, ehe er/sie wieder aufs Feld darf. Seine Mannschaft darf sich auf dem Spielfeld mit einem anderen Spielerergänzen. Diese drei Angriffe werden von Zeitnehmer und Sekretär überwacht. Betritt der Spieler das Feld früher, erhält er/sie eine Zwei-Minuten-Strafe wegen falschen Wechsels. Von dieser Regel ausgenommen sind zwei Fälle : Erstens Behandlungen von Torhütern nach Kopftreffern im Torraum und zweitens, wenn der Gegenspieler nach einem Foul eine progressive Bestrafung (gelbe Karte, zwei Minuten, rote Karte) erhält, darf der/die Spieler/ Spielerin nach der Verletzungsbehandlung auf dem Feld bleiben.

Gemäß Beschluss des DHB-Bundesrats kommt diese Regelung nur in der 1. bis 3. Liga, sowie in der weiblichen und männlichen Jugendbundesliga zur Anwendung. Aus diesem Anlass wird zudem die besondere Wechselbestimmung des DHB für den Jugendbereich nur noch bis zur B-Jugend angewendet.

„Wir hatten zu viel Hollywood“, betont auch Jürgen Rieber: „Diese Regel wird für weniger Unterbrechungen sorgen.“

Praktisch soll die Drei-Angriffs-Regel vom Zeitnehmertisch mit weißen Karten angezeigt werden. „Nach dem dritten Angriff wird die Karte wieder entfernt“, sagt Rieber.

Der Spieler kann zudem  unmittelbar wieder eingesetzt werden, wenn eine neue Halbzeit beginnt. Nicht gezählt oder nicht mehr weiter gezählt werden muss, wenn der Spieler eine Zwei-Minuten-Strafe erhält. Nach Ablauf  der Hinausstellung kann er wieder eingesetzt werden.

Passives Spiel/Zeitspiel:

Wenn die Schiedsrichter das Zeichen für Zeitspiel geben, darf die angreifende Mannschaft noch sechs Pässe spielen, bevor abgepfiffen wird und der Gegner den Ball erhält. Diese sechs Pässe werden auch dann nicht unterbrochen, wenn die gegnerische Mannschaft einen Wurf abgeblockt hat oder die Angreifer einen Freiwurf erhalten. „Das passive Spiel ist eine der subjektivsten Regeln im Handball“, betont Rieber, der sich nun mehr Klarheit bei der Auslegung erhofft.

Besondere Regelungen für die letzten 30 Sekunden:

Bereits in der Männer- und Frauen-Bundesliga wird seit vergangener Saison die Neuregelung umgesetzt, die besondere Vergehen in den letzten 30 Sekunden betrifft – und nicht, wie 2010 von der IHF beschlossen, in der letzten Spielminute.  Begeht ein Abwehrspieler in diesem Zeitraum eine grobe Regelwidrigkeit oder blockiert zum Beispiel einen Anwurf oder Freiwurf, erhält er/sie eine rote Karte (ohne Zusatzbericht) und – das ist neu – die angreifende Mannschaft automatisch einen Siebenmeter. Keine Regel ohne Ausnahme: Kann der gefoulte Spieler oder ein von ihm noch angespielter Mitspieler dennoch ein Tor erzielen, wird nicht auf Strafwurf entschieden.

Blaue Karte:

Um allen Beteiligten nach einer roten Karte sofort klar zu machen, ob ein Zusatzbericht folgt, der dann eine weitere Bestrafung durch die zuständige Instanz nach sich zieht (im DHB eine unmittelbare automatische Sperre von mindestens einem Spiel), werden die Schiedsrichter in solchen Fällen nach der roten auch eine blaue Karte zeigen.

Bei seiner Lehrwarttagung vor sechs Wochen in Halberstadt hat der DHB alle Lehrwarte der Landesverbände bereits in den neuen Regeln vertraut gemacht. „Alle haben die ausführlichen Präsentationen mit Videobeispielen erhalten. Die Lehrwarte können die neuen Regeln somit nun auf Landes- und Bezirksebene weiter schulen.“

Zudem werden, so Rieber, „unsere DHB-Schiedsrichter auf alle Eventualitäten vorbereitet“. Als Service für alle Erst- und Zweitligisten bietet der DHB Besuche von Schiedsrichtern an, die vor Ort die neuen Regeln und deren Auslegung erläutern.

 

Quelle:

http://dhb.de/detailansicht/datum/2016/06/15/artikel/wie-der-dhb-die-neuen-ihf-regeln-von-oben-nach-unten-schult.html